Ukrainische Streitkräfte haben in der Nacht zum Samstag einen beispiellosen Drohnenangriff auf St. Petersburg und die Region Krasnodar durchgeführt. Der Angriff traf ein Öldepot im Süden Russlands und eine Marinebasis nahe St. Petersburg, die bereits am Mittwoch Ziel eines Drohnenschlags gewesen war. Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte die Operation und bezeichnete sie als Vergeltung für russische Bombardierungen ukrainischer Zivilisten. Die russischen Behörden sprachen von einem Angriff ohne Beispiel
und rieten den Einwohnern St. Petersburgs erstmals seit Kriegsbeginn, zu Hause zu bleiben.
Ein Angriff von beispiellosem Ausmass
Der Gouverneur der Region Leningrad, Alexander Drosdenko, erklärte, die Luftabwehr habe über 140 Drohnen im Raum St. Petersburg abgeschossen. Das russische Verteidigungsministerium gab an, insgesamt 376 ukrainische Drohnen abgefangen zu haben – ohne zu sagen, wie viele ihr Ziel erreichten. Die ukrainischen Streitkräfte hingegen berichteten, sie hätten 272 Drohnen gestartet, von denen 249 abgeschossen wurden, aber elf Einschläge an verschiedenen Orten verzeichnet werden konnten. Diese widersprüchlichen Zahlen verdeutlichen die Schwierigkeit, die tatsächliche Wirkung der Angriffe zu bestätigen.
Die Zahlen des Gefechts
Die Diskrepanz zwischen den Angaben beider Seiten ist typisch für die zunehmende ukrainische Taktik, den Krieg auf russisches Territorium zu tragen. Der Angriff auf St. Petersburg gilt als der bedeutendste gegen diese Region seit Beginn des Konflikts. Die ukrainische Führung nutzt diese Operationen, um Moskau zu demonstrieren, dass kein Gebiet Russlands mehr sicher ist. Gleichzeitig erhöht sie den Druck auf das russische Militär, seine Luftabwehrsysteme neu zu organisieren.
Reaktionen aus Moskau und Kiew
Der Kommandeur einer ukrainischen Einheit, Jewhen Karas, sagte der BBC, die Mission sei relativ einfach gewesen. Wir fliegen über Russland wie über eigenes Gebiet. Es gibt kaum Widerstand, es ist nicht schwer, ein Ziel zu treffen
, zitierte ihn der Sender. Diese Aussagen deuten auf Schwachstellen in der russischen Luftverteidigung hin, insbesondere abseits der Frontlinie. Selenskyj präzisierte, dass die Drohnen rund tausend Kilometer bis zur Marinebasis Kronstadt zurücklegten – dem Hauptstützpunkt der russischen Ostseeflotte – und 500 Kilometer zum Treibstofflager in Krasnodar.
Aussagen des ukrainischen Kommandeurs
Die Basis in Kronstadt war bereits am Mittwoch Ziel eines Drohnenangriffs, bei dem ein Kriegsschiff beschädigt wurde. Nach dem jüngsten Angriff sperrten die russischen Behörden die Stadt für mehrere Stunden. Der Angriff löste zudem ein Feuer in der Nähe eines Waffenlagers aus, was die Evakuierung eines Dorfes erforderlich machte. Laut CNN waren rund 600 Menschen von der Räumung betroffen. Die Flammen breiteten sich in einem Bereich aus, in dem militärisches Material gelagert war, was die Gefahr von Folgeexplosionen erhöhte.
Strategische Bedeutung und diplomatische Implikationen
Kiew hat in den letzten Monaten seine Angriffe auf die russische Öl- und Militärinfrastruktur verstärkt. Das Wall Street Journal berichtet, dass die Ukraine die Dynamik des Krieges auf mehreren Fronten umgekehrt habe – sie stoppe russische Vorstöße und füge der russischen Rüstungsindustrie sowie der Erdölförderung erheblichen Schaden zu. Diplomatisch hatte Präsident Putin am Vortag des Angriffs erklärt, er sehe keinen Grund für ein Treffen mit Selenskyj, nachdem dieser einen offenen Brief mit einem Friedensangebot veröffentlicht hatte. Putin betonte, der Konflikt ende erst, wenn die russischen Ziele erreicht seien.
Selenskyj entgegnete mit trotzigen Worten: Die Russen werden langsam ungemütlich mit dieser Realität – dass der Krieg immer mehr negative Konsequenzen für Russland bringt.
Der ukrainische Präsident präsentierte die Angriffe als gerechte
Vergeltung für russische Bombardements gegen Zivilisten und Infrastruktur. Er warf Putin vor, den Krieg fortsetzen zu wollen und jeden Friedensvorschlag abzulehnen, der nicht die Kapitulation der Ukraine bedeute. Währenddessen bleiben die Langstreckenoperationen das zentrale Mittel Kiews, um zu zeigen, dass der Krieg nicht auf die Ukraine beschränkt werden kann.
Die Dimension des Angriffs auf St. Petersburg deutet auf eine Eskalation hin, die sowohl das Schlachtfeld als auch künftige Verhandlungen beeinflussen könnte. Die Fähigkeit der Ukraine, Ziele Hunderte Kilometer entfernt zu treffen, zwingt den Kreml, den Schutz kritischer Infrastrukturen zu verstärken. Die internationale Gemeinschaft beobachtet die Entwicklungen genau.
